Die Bahnhofsmission Göttingen blickt auf eine über 100-jährige Geschichte zurück und feiert 2026 besonders das 50-jährige Bestehen ihres Gebäudes auf Gleis 4/5. Mehr als die Hälfte dieser Zeit, nämlich seit 30 Jahren, engagiert sich dort Caritas-Mitglied Ingeborg Piper ehrenamtlich.
Ihr Weg zur Bahnhofsmission begann über ihren Mann. „Mein Mann wurde damals von einem Zivildienstleistenden gefragt, ob er sich eine Mitarbeit vorstellen kann“, erinnert sich Ingeborg Piper. Während ihr Mann sein Engagement nach einiger Zeit wieder beendete, blieb seine Frau bis zum Jahr 2025 aktiv dabei. Mittlerweile unterstützt sie ihre Kolleginnen und Kollegen aus gesundheitlichen Gründen nur noch aus dem Hintergrund. „Ich war schon in jungen Jahren im sozialen Bereich, beispielsweise in Krankenhäusern, aktiv“, berichtet die heute 81-Jährige. Die Arbeit bei der Göttinger Bahnhofsmission habe ihr immer viel Freude bereitet: „Es war eine schöne Zeit, und wenn ich es könnte, wäre ich auch weiter dabei“. Neben ihrer Arbeit bei der Göttinger Bahnhofsmission war sie seit 2009 auch ehrenamtlich auf der Palliativstation der Göttinger Uniklinik im Einsatz.
Zu den Aufgaben der Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission gehören unter anderem die Umstiegshilfe bei Reisenden, die Betreuung sogenannter „nichtreisenden Gäste“ sowie aktiver Bahnhofs- und Bahnsteigdienst. Besondere Momente während ihrer Tätigkeit habe es selten gegeben. „Das meiste war der übliche Wahnsinn. Vor allem bei den Umstiegshilfen, wenn es Verspätungen gab und es nur wenig Zeit blieb, den Reisenden zum Anschlusszug zu bringen“, sagt Piper. Zwei Geschichten sind ihr dennoch besonders im Gedächtnis geblieben. Zum einen zwei kleine Kinder, die zur Bahnhofsmission gebracht wurden, weil sie allein am Bahnsteig standen. „Die Mutter war schon im Zug, als sich die Türen schlossen und er losfuhr“, erzählt Ingeborg Piper. Die Kinder wurden dann in den Räumen der Bahnhofsmission mit Spielen beschäftigt. „Die Mutter kam mit einem der nächsten Züge wieder zurück. Und bei allen war die Freude über das Wiedersehen groß“, sagt Piper lächelnd. Die zweite Situation war eine verwirrte Frau, die hilflos am Bahnsteig stand und zur Bahnhofsmission gebracht wurde. Hier konnte Ingeborg Piper dann den Sohn der Frau erreichen, der sie abholte.
Kronenkreuz in Gold der Diakonie
Insbesondere Gäste der Bahnhofsmission, denen es nicht gut ging, haben Ingeborg Pipers Blick auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit geprägt. „Da wird man schon demütig und merkt, wie gut es einem selbst doch eigentlich geht. Und man hat gespürt, wie dankbar sie sind, dass sie bei uns Hilfe erhalten“, sagt Piper. Für die Gäste habe die Bahnhofsmission auch immer etwas zu essen und zu trinken.
Für diejenigen, die sich für eine Mitarbeit bei der Bahnhofsmission interessieren, hat Piper einen Tipp: Sie sollten die Dinge, die sie dort erleben, nicht zu nah an sich ranlassen. „Dennoch braucht man für die Aufgabe auch Empathie“, betont Piper. Ihr selbst sei es gelungen, immer auf sich zu achten, auch wenn es schwierige Situationen im Dienst gegeben habe. „Dabei geholfen hat die gute Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen“, erklärt Ingeborg Piper. Und sie habe Schulungen zu dem Thema erhalten.
Wenn Ingeborg Piper sich an ihre aktive Zeit bei der Bahnhofsmission Göttingen erinnert, dann umspielt ein Lächeln ihre Lippen. Für ihren langjährigen Einsatz hat sie im April 2026 das Kronenkreuz in Gold der Diakonie verliehen bekommen. „Das ist eine schöne Anerkennung für den ehrenamtlichen Einsatz“, sagt sie.
Über 100 Jahre Bahnhofsmission Göttingen
Die Bahnhofsmission Göttingen kennt ihr genaues Gründungsdatum nicht. Zum 50-jährigen Bestehen ihres Gebäudes auf Gleis 4/5 veröffentlichte sie eine Chronik. Darin wird auf ein altes Plakat aus dem Jahr 1911 verwiesen, auf dem sie schon verzeichnet ist.
In ganz Deutschland sind die Bahnhofsmissionen mit ihren mehr als 2.300 haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden zentrale Knotenpunkte des sozialen Netzes in den Städten und an den Bahnhöfen. Die Mitarbeitenden helfen jedem, sofort, gratis und ohne Anmeldung oder Voraussetzungen, häufig zu Uhrzeiten, zu denen andere Hilfe nicht erreichbar ist. Das tun sie seit inzwischen weit über 100 Jahren und an derzeit mehr als hundert Orten in Deutschland. Die Bahnhofsmissionen sind Einrichtungen der Evangelischen und der Katholischen Kirche. Ihre Arbeit lebt vom Engagement der zahlreichen freiwillig Engagierten. In zunehmenden Maß sind die Bahnhofsmissionen auf Spenden angewiesen.
Die Bahnhofsmission Göttingen ist eine Abteilung im Diakonieverband im Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Göttingen-Münden. „Durch ihre Entstehungsgeschichte ist sie von je her konfessionsübergreifend ausgerichtet. Helfen braucht keine Konfession“, meint Andreas Overdick, Leiter der Göttinger Bahnhofsmission. Auch die Caritas Südniedersachsen unterstützt die Bahnhofsmission Göttingen.
Vera Wölk
